Amazon als Taktgeber des digitalen Kapitalismus - wir stellen uns quer!

Kolumne „Aus dem Bundestag“ für Die Freiheitsliebe (blog)
Sabine Leidig, 18.04.2018

Der Online-Händler Amazon hat in nicht einmal 20 Jahren die Einkaufsgewohnheiten der Menschen revolutioniert, das Internet kommerzialisiert und seine Marktmacht rasant ausgebaut. Jeff Bezos ist mit geschätzten 100 Milliarden Euro Privatvermögen der reichste Mann der Welt und will noch mächtiger werden. Ein Leben ohne Amazon soll eigentlich nicht mehr möglich sein sagt er. Noch mehr Daten absaugen, noch mehr Kundenprofile erstellen, in noch mehr Lebensbereiche eindringen um alles zu vermarkten; und noch mehr Konzentration und Verdrängung.
Amazon ist Taktgeber des digitalen Kapitalismus und steht für die „smarte“ Zukunft, die angeblich das Leben aller besser macht. Das ist nicht unsere Zukunft! Arbeit im Amazon-Modell heißt: Keine Tarifverträge, Lohndruck und prekäre Jobs, Arbeitshetze und permanente Überwachung. Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hat den Amazon-Gründer Jeff Bezos im Jahr 2014 zum schlimmsten Chef des Planeten gekürt. Aber es gibt Widerstand.

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Das zwiespältige Jubiläum: 5 Jahre Streik

Am Morgen des 9. April 2013 versammeln sich über 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Amazon-Versandzentren im hessischen Bad Hersfeld vor den Toren. Sie haben Trillerpfeifen dabei, tragen Warnwesten mit dem Logo von ver.di und Plakate, auf denen ein Tarifvertrag, der sich an den Regeln des Einzel-und Versandhandels orientiert, gefordert wird. Damit war etwas geschehen, was niemand – vor allem nicht Amazon selbst – für möglich gehalten hatte: Zum ersten Mal in seiner knapp 20-jahrigen Geschichte war der US-Internethändler mit einem Streik konfrontiert.

Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Markt für Amazon außerhalb der USA. Und: In keinem anderen Land ist es den Gewerkschaften bisher gelungen, eine so große Organisationsmacht und aktive betriebliche Basis aufzubauen wie hier. Wenn man Amazon irgendwo angehen kann, dann hier in Deutschland.

Schritt für Schritt erkämpfen die organisierten Beschäftigten Zugeständnisse, konkrete Verbesserungen gegen die „Null-Toleranz-Linie“ von Bezos (bessere Bezahlung, weniger Befristungen, Weihnachstgeld, Abschaffung von demütigenden „Feedbacks“. Aber der Durchbruch – ein ordentlicher Tarifvertrag – steht nach 5 Jahren noch immer aus. Mit Hilfe der UNI Global Union finden seit 2014 gibt es regelmäßige internationale Arbeitstreffen statt. Und es geht um mehr als bessere Bezahlung: Die Ausbeutung von Arbeitskräften wird mit System organisiert. An vielen Standorten ist die Mehrzahl der befristet eingestellt. In Amazons Logistik-Zentren werden die Beschäftigten über Handscanner in ihren Arbeitsschritten kontrolliert, mit „Feedback“-Gesprächen durch Vorgesetzte eingeschüchtert, und zu noch höherem Arbeitstempo und Wettbewerb getrieben. Solche Arbeitsbedingungen sind krank und machen krank.

Der Konzern verweigert Gespräche mit der Gewerkschaft. Amazon/Bezos will gänzlich nach eigenem Gusto über das Lohnniveau und die Arbeitsbedingungen entscheiden; nach Gutsherrenart. Und weil die Auslieferungen auch aus Polen, Frankreich oder anderen Standorten erfolgen können, bekommen die Kund*innen von den Arbeitsniederlegungen praktisch nichts mit. Der ökonomische Druck ist gering. Die Streiks, die Organisierung n die öffentliche Aufmerksamkeit sind aber keineswegs wirkungslos.

Den Widerstand verbinden

Mit einem halbtägigen Amazon-Forum unter dem Motto „wir stellen uns quer“ (es war eine Veranstaltung der Bundestagsfraktion) brachten wir verschiedene Akteure und widerständige Perspektiven zusammen:

In der Attac-Kampagne für die Einführung einer Gesamtkonzernsteuer ist Amazon eins der Paradebeispiele für multinationale Konzerne, durch deren Steuertricks Staaten weltweit jährlich rund 500 Milliarden Dollar entgehen. Dieses Geld brauchen wir dringend für Bildung, Gesundheit, Bekämpfung von globaler Armut und Klimawandel! 

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Die Kampagne „Essen ohne Amazon“ von Aktion-Agrar stellt einen weiteren (lebens-)wichtigen Aspekt ins Zentrum: „Der Onlinehandelsriese Amazon streckt seine Finger nach unseren Kühlschränken aus –  mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst Amazon fresh. Damit steigt ein Konzern in den Handel mit frischen Lebensmitteln ein, der unberechenbar und für sein aggressives Marktverhalten bekannt ist. Datensammelwut, massive Verletzung von Arbeitnehmer*innenrechten, Steuervermeidung in Millionenhöhe und der Ruin vieler kleiner Buchläden verheißen nichts Gutes für die Landwirtschaft und Lebensmittelbranche. Was wir für die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft brauchen, sind faire Preise und die Unabhängigkeit der Landwirt*innen von Konzernen. Dahin führen kurze regionale Lieferketten und eine Auswahl an Möglichkeiten der Vermarktung – online und offline.“

Eine (im besten Sinne) radikale Technologiekritik, kommt von „Capulcu“: Amazon bindet die Nutzer nicht nur beim Online-Shopping in den Prozess permanenter Bemessung und Bewertung ein. Die ökonomische Durchdringung findet durch die vollständige Vernetzung und Auswertung der Daten statt. Ein Beispiel ist der Ebook-Reader von Amazon, der laufend Daten ermittelt über Auswahl der Bücher, Lesetempo, gelesene Seiten, aber auch Leseorte und -position. Wollen sich Kund*innen dieser Kontrolle entziehen, verschwinden die gekauften Bücher mit Aufkündigen des Amazon-Accounts vom Gerät. Die „smarte“ Umgebung, in der zukünftig alle uns umgebenden Geräte vernetzt sein werden, stellt unsere unauflösliche Verbindung zu den Datenzombies sicher. Es gibt kein Leben außerhalb dieses Netzes, so die Vorstellung von Amazon und Co. Amazon belauscht uns zukünftig permanent mit seinem Raumlautsprecher „Echo“. Seit 2014 bietet Amazon dieses selbst-entwickelte intelligente Abhörsystem an: Ein mit hochempfindlichen Mikrofonen bestückter Zylinder steht irgendwo zentral in der Wohnung und lauscht ständig in Erwartung des Codeworts „Alexa“, mit dem Assistentin Alexa dann auf Zuruf für uns auf Suche ins Internet geht, online einkauft, oder andere Dinge für uns regelt.

Das Geschäftsmodell von Amazon darf nicht durchkommen.

Amazon ist stilprägend für ein neues Produktionsmodell, in dem intelligente Informationstechnologie zur effektiveren Unterwerfung menschlicher Arbeit genutzt wird.

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Wer Amazons Entwicklung verfolgt, kommt kaum hinterher: das Unternehmen wächst schnell, aggressiv und in unerwartete Richtungen. Deutlich wird, dass die Vision des „Allesverkäufers“ (Stone 2013) sich nicht nur auf die Umwälzung des Buch- oder Einzel- und Versandhandels bezieht. Amazons Plattform zeigt ähnlichen wie Share Economy Protagonisten AirBnB (Übernachtungen) oder Uber (Fahrten) die Gesetzmäßigkeit der radikalen Machtkonzentration im Netz: „The winner takes it all.“ Der größte Anbieter der Branche macht alleine das Geschäft, es macht keinen Sinn, zwei Amazons zu haben. Hierfür wirkt der Netzwerkeffekt, bei dem ein großes Angebot und eine große Nutzer*innenschaft selbstverstärkend für eine weiter steigende Attraktivität der Internet-Plattform sorgen – scheinbar ungebremst, da Dienstleistungen im Netz ohne Zusatzkosten quasi ortsunabhängig organisiert werden können. Ein Phänomen mit dramatischen Konsequenzen für die Arbeitswelt. Im Einzelhandel fallen durch die erdrückende Dominanz von Amazon allein in Deutschland zehntausende Jobs weg – wahrscheinlich ein Vielfaches der bei Amazon neu geschaffenen Stellen.

Der Gedanke liegt nahe, mit einer breit angelegten öffentlichkeitswirksamen Bündniskampagne Druck aufzubauen. Potenzial dafür ist zweifellos vorhanden: Amazons Image in der Öffentlichkeit ist nach diversen Medienberichten über miese Arbeitsbedingungen, Steuervermeidung und aggressives Marktgebaren mehr als angekratzt.

Kein Award für Ausbeutung – Protest am Axel-Springer-Haus

ausgerechnet der Springer-Verlag, Dachverband für Deutschlands bekannte Hetzblätter wie der „BILD“-Zeitung, will Jeff Bezos am 24. April in Berlin für sein „visionäres Geschäftsmodell“ auszeichnen. Das bleibt nicht unwidersprochen! Beschäftigte von Amazon kommen nach Berlin, um gegen diese zynische Preisverleihung zu protestieren und ihrem Chef höchstpersönlich „Feedback” zu geben. Unterstützt werden sie von kreuzberger Linken, von Aktivist*innen u.a. von „make-mazon-pay“ und Attac ….

Der Taktgeber des digitalen Kapitalismus kann und muss aus dem Takt gebracht werden. Wir spielen eine andere Melodie: aus den Klängen von guter Arbeit, sozialökologischen Produkten und Prozessen, fairem Handel und Schutz von Daten und Privatsphäre.

https://makeamazonpay.org/

http://www.rosalux-nyc.org/wp-content/files_mf/analysen24_arbeitskampf_bei_amazon.pdf

https://www.amazon-verdi.de/31

https://www.aktion-agrar.de/amazon/

https://digitallinks.de/