„Wir leben auf Kosten des Südens“-Sabine Leidig über „Systemwandel statt Klimawandel“ im Kirchheimer Spitalkeller

21.09.2018 Vortrag von Sabine Leidig im Kirchheim unter Teck

„Wie muss ein gutes Leben für alle Menschen aussehen?“ Das war eine der Fragen, mit der sich die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig bei ihrem Vortrag im Kirchheimer Spitalkeller beschäftigte"

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Foto: Carsten Riedl/ teckbote.de/

Lässt sich der Klimawandel aufhalten, wenn wir die sozialökologischen Stellschrauben ein klein wenig nach links oder rechts drehen? Oder müssen wir unser Wirtschaften und Leben komplett ändern und auf einen grundlegenden Systemwandel hinarbeiten? Diesen Fragen ging die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Leidig, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Kirchheimer Spitalkeller nach. Eingeladen dazu hatten attac Kirchheim und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Kreis Esslingen-Nürtingen.

Die Antwort der ehemaligen Gewerkschafterin und attac-Bundesgeschäftsführerin fiel - erwartbar - klar aus: „Wir leben auf Kosten des globalen Südens“, sagte sie. „Der kann in einer Kobalt-Mine im Kongo liegen, in der Kinder unter lebensgefährlichen Bedingungen diesen Rohstoff für die Batterien unserer Elektroautos fördern, aber auch auf einem Schlachthof im Emsland, wo Schlachter aus Rumänien unter miserablen Arbeitsbedingungen im Akkord Schweine oder Rinder zerlegen.“

Den zerstörerischen Lebensstil, in dem viele von uns sich bequem eingerichtet hätten, nenne der Soziologie Ulrich Brand „imperiale Lebensweise“. Einer steigenden Zahl von Menschen in Deutschland werde aber mittlerweile immer bewusster, dass das Wirtschaften und Konsumieren nicht nachhaltig sei und an planetarische Grenzen stoße. Befördert werde diese Erkenntnis nicht nur durch kritische Literatur zur sogenannten „Externalisierungsgesellschaft“ und Filme wie „System Error“ oder „Die grüne Lüge“ von Kathrin Hartmann, sondern auch durch Migranten aus Afrika. Sie würden sich zu uns auf den Weg übers Mittelmeer machen, weil die Lebens- und Arbeitsbedingungen in ihren Ländern zunehmend unaushaltbar würden.

Ausgangspunkt der notwendigen sozial-ökologischen Transformation sei die Frage, wie ein gutes Leben für alle Menschen aussehen muss. Die Antwort dürfe nicht der Markt mit seinem Profit-Denken liefern. In einer Ausweitung der direkten Demokratie müssten unter anderem die Themen Einkommensgerechtigkeit, Vermögensverteilung, Steuern und Arbeitszeitverkürzung verhandelt werden. Durch eine Stärkung der Gemeinwohl- und Genossenschaftsökonomie könnten die Wachstumszwänge der Privatwirtschaft reduziert werden. Die Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe und eine ökologische Lenkung von Produktivkapital brächten den sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft voran. Weitere Schritte seien die offensive Erweiterung der Energiewende, der Einstieg in eine tatsächliche Verkehrswende, die Re-Kommunalisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge, die Förderung kollektiven, gemeinnützigen Wohneigentums und die Förderung und Vernetzung alternativer Produktions- und Lebensformen.

Zum skeptischen Einwand aus dem Plenum, der Systemwandel scheitere an der Lobby-Macht des deregulierten Finanzkapitals, merkten Leidig und andere Zuhörer an, dass es unverzichtbar sei, durch kontinuierliche Bildung und Aufklärung die Menschen für eine linke Politik zu gewinnen. Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit des Wandels bilde sich aber auch durch die vielen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die im Augenblick national und international stattfinden würden, aktuell unter anderem für den Ausstieg aus der Kohle und gegen die Abholzung des Hambacher Forsts.hdö